Schöffen im Knast – Teil des Schulungsplans von VERM

Ein Erfahrungsbericht von Philipp Höhne

Wenn man als einfacher Bürger eine Justizvollzugsanstalt (JVA) zum ersten Mal betritt, hat man sehr unterschiedliche Vorstellungen davon was einen erwartet. Das Extrem ist das Szenario eines Zuchthauses: wenig Raum, kein Komfort, ständige Überwachung, bedrückende Stimmung. Und wenn es um Hafterleichterungen geht, stellt man sich vor, dass die Insassen doch wohl auf kurz oder lang versuchen, diese Hafterleichterungen zu erreichen um dem Szenario des Zuchthauses zu entkommen. Freilich weiß man als interessierter Bürger und Schöffe, dass Justizvollzugsanstalten heute keine Zuchthäuser mehr sind, aber wie sieht es im Inneren dann aus und wie gehen die Insassen damit um? Diese und andere Fragen stellten sich der Besuchergruppe und mir beim Besuch der JVA Untermaßfeld am 18. Juni 2014. Der Besuch einer JVA ist fester Bestandteil des Schulungsplanes von VERM.

An diesem Tag ist es bewölkt aber sommerlich warm. Das fällt auf als wir die JVA Untermaßfeld betreten, denn die alten Mauern sind früher Teil einer Wasserburg gewesen, bevor sie schließlich vor über 100 Jahren in ein Zuchthaus umgewandelt wurde. Die Geschichte dieses Gebäudes soll uns den ganzen Tag über begleiten. Zunächst treffen wir uns jedoch mit unseren drei Gastgebern und Begleitern: der Anstaltsleiterin Frau Regierungsdirektorin Kiese, dem Leitenden Vollzugsbeamten für Sicherheit Herr Bornkessel sowie einem Sozialarbeiter in einem von den Hafträumen getrennten Raum zum Vorgespräch.

Statische Daten werden ausgetauscht: bis zu 345 männliche Gefangene kommen auf zurzeit 171 Bedienstete. Bis zu 1000 Haftplätze waren es einmal in demselben Gebäude, doch die gesetzlichen Anforderungen an die Unterbringung der Gefangenen haben sich auch gerade in den letzten 25 Jahren immer wieder geändert. Ein Haus außerhalb der alten Wasserburg gehört ebenfalls zur JVA Untermaßfeld. Es ist die offene Vollzugsabteilung (OVA). Zwölf Plätze gibt es dort, belegt sind aber zum Zeitpunkt unseres Besuchs nur vier. Auf Nachfrage erklärt die Anstaltsleiterin: „Zum Einen eignen sich nur wenige Gefangene für den offenen Vollzug, zum Anderen wollen einige Gefangene auch schlicht nicht in die OVA.“ Erklärung: Die Gefangenen haben unter Umständen einen Ruf als harte Kerle zu verlieren oder haben Einfluss unter den Gefangenen, der ihnen andere Vorteile bietet als der offene Vollzug. „Was wir für erstrebenswert halten ist nicht unbedingt das, was die Gefangenen für erstrebenswert halten“, so sinngemäß Kiese.

Danach beginnt unser Rundgang durch die JVA. Als erstes werden wir über einen abgetrennten Teil des Innenhofs geführt, danach über Treppen bis ganz nach oben und in den ersten abgeschlossenen Flur. Die erste Tür ist noch ein Abstellraum, die zweite ein Waschraum. Die dritte Tür ist ein Haftraum, in dem ein Gefangener seine Wäsche sortiert. Die Hafträume selbst sind nicht verschlossen, die Gefangenen können sich frei auf dem Flur bewegen. Einige stehen in ihren Türen und beobachten uns. Die meisten grüßen zurück wenn man freundlich „Guten Tag“ sagt. Der Vollzugsbeamte läuft immer voraus und informiert die Gefangenen über unseren Besuch, es steht ihnen frei ihre Türen zu schließen. Ein Gefangener betont, dass seine Tür offen bleiben könne: er sei gern ein „Vorzeigehäftling“. Seine Zelle sah auch sehr aufgeräumt und ordentlich aus. Andere Gefangene spielen gemeinsam an ihrer Spielekonsole, wieder andere kochen gemeinschaftlich.

„Es ist in Deutschland immer noch so, dass ein bestimmtes soziales Milieu ins Gefängnis kommt. Fälle wie Herr Hoeneß sind nach wie vor sehr selten“, hatte die Anstaltsleiterin zuvor um Gespräch gesagt. Die Gefangenen, denen wir begegnen, sind oft durchtrainiert. Sie haben einen eigenen Trainingsraum und auch auf dem Hof gibt es Stangen für Klimmzüge. Viele sind tätowiert. Wir sind aufmerksam während wir uns durch den Flur an den Hafträumen vorbei bewegen, aber große Anspannung zwischen Ihnen und uns herrscht keine. „Handgreiflichkeiten kommen verhältnismäßig selten vor, einen Ausbruchsversuch hat es seit den 1990er Jahren nicht mehr gegeben“, so die Anstaltsleiterin im Vorgespräch.

Als wir auf den Innenhof treten, auf dem auch Volleyball gespielt wird, ruft ein einzelner Gefangener klischeeartig anzügliche Bemerkungen von weiter oben irgendwo aus dem Fenster. Der Sozialarbeiter quittiert dies mit einem Lächeln: die Gefangenen wagen so etwas nur solange sie sicher sind, dass man nicht herausfinden kann wer es war. Außerdem werden wir darauf hingewiesen, dass die Gefangenen täglich eine Stunde auf dem Innenhof haben, Entzug dieser Zeit ist eine gängige Disziplinarmaßnahme. „Im Sommer drinnen sitzen zu müssen ist sicher die wahre Strafe“, murmelt ein Seminarteilnehmer.

Danach schauen wir uns Werkstätten an: Landschaftsgärtner, Maler und Maurer kann man in der JVA werden. Die Möbel, die von den Möbelbauern angefertigt werden, werden überall in Regierungs- und Justizgebäuden in Thüringen eingesetzt. Auch seinen Schulabschluss kann man in der JVA nachholen. Die Firmen, die die Ausbildung in der Anstalt betreuen, haben gutes Geld investiert. Zum Zeitpunkt der Anschaffung waren die Computer in den Ausbildungsräumen moderner als die der Verwaltung der JVA, so die Anstaltsleiterin, und witzelt weiter: „Wir waren anfangs schon ein wenig neidisch, schnelle Rechner, Flatscreen…“.

Nach dem Ende der Führung treffen wir uns zum Nachgespräch. Drogen seien ein Problem, aber man würde sich etwas vormachen zu glauben, man könne dies ganz unterbinden. Die besten Chancen nicht mehr straffällig zu werden hätten jene, die eine Freundin haben, für die sie sich ins Zeug legen. Die Gefangenen müssten aus ihrem Milieu heraus, einen geregelten Tagesablauf haben und wieder in die Gesellschaft zurückfinden. Mit diesen Worten im Ohr geht es zum Abschluss unserer Führung in eine Besonderheit der JVA Untermaßfeld: das Anstaltsmuseum.

Der Treiber zur Verwirklichung des Museums ist der Leitende Vollzugsbeamte Herr Uwe Bornkessel. Lange habe er dafür gekämpft. Leidenschaftlich erzählt er uns von den Schwierigkeiten: einen Raum bekommen, Geld für die Restaurierung, anfangs keine Unterstützung durch die Landesregierung, Nachbau von Folterinstrumenten mithilfe der Gefangenen. Das Ergebnis ist erstaunlich und zugleich einmalig in Deutschland – und – definitiv einen Besuch wert.

Und es gibt einen guten Grund warum genau in der JVA Untermaßfeld ein Gefängnismuseum sein sollte. In den 1930er Jahren war der damalige Anstaltsleiter der erste, der den Gefangenen Freiheiten gewährte. Er vertrat die Philosophie, dass die Häftlinge auf das Leben in der Gesellschaft nach der Haft vorbereitet werden müssen, statt wie im Stile des damaligen Zuchthauses noch weiter von ihr entfremdet zu werden.

Und damit schließt sich der Kreis. Was wir an diesem Tag in Untermaßfeld gesehen haben ist nichts anderes als das Ergebnis des Fortschritts, der eben hier auch begann. Weil es nicht nur um Strafe geht, sondern auch wieder einen Weg zurück in die Gesellschaft zu finden, deswegen sind die Justizvollzugsanstalten heute keine Zuchthäuser mehr. Sie sind Inhaftierte aber besitzen Privatgegenstände, sie können an die frische Luft, sich sportlich betätigen.

Die JVA Untermaßfeld war auch die erste Haftanstalt in Deutschland, die eine Anstaltszeitung besaß, geschrieben von Gefangenen. In der letzten Ausgabe, die man uns gibt, findet sich am Ende ein Artikel über die „härtesten Gefängnisse der Welt“. Warum die aufgezählten Gefängnisse schlimm sind erklärt der Artikel sehr präzise: kein persönlicher Besitz, kein Kontakt zur Familie, Freunden oder Mitinsassen, kein Telefon. All das gibt es in Untermaßfeld, wenn man nicht auffällig wird. Es bleibt zu schlussfolgern, dass die Gefangenen sehr wohl wissen, dass es ihnen schlimmer gehen könnte, dass man ihnen hier eine Chance gibt. Ob sie sich selber dazu durchringen können diese Chance zu ergreifen, bleibt allein bei ihnen.

Ein Tag voller wertvoller Informationen, beantworteter Fragen und neuer Erfahrungen ging damit zu Ende. Es bleibt nur den Verantwortlichen von der JVA Untermaßfeld Frau Marion Kiese und Herrn Uwe Bornkessel sowie der Vereinigung der Ehrenamtlichen Richterinnen und Richter Mitteldeutschlands für diesen Tag zu danken. Den Lesern dieses Artikels sei indes ein Besuch im Anstaltsmuseum herzlichst empfohlen und die Mitgliedschaft bei VERM obligatorisch.



                   


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